Oma, Ouzo und andere Katastrophen
Leseprobe
1. Plötzlich haarlos!
Ich bin natürlich der einzige Mann im Wartebereich von Wax on the Beach. Um mich herum nur Frauen — rechts, links, gegenüber. Zudem ist es recht voll. Wer hätte gedacht, dass an einem Dienstagmorgen in Köln so viele Körperteile enthaart werden müssen?
Da ich zum ersten Mal hier bin, weiß ich nicht, ob das Männer-Frauen-Verhältnis immer so unausgeglichen ist, aber wenigstens werde ich von den anderen Kundinnen nicht direkt angestarrt, sondern höchstens neugierig aus den Augenwinkeln gemustert.
»Jacooobi? Jacooobi? Philipp Jacooobi?«, schreit eine Mitarbeiterin quer durch den gesamten Salon, dass selbst die Zimmerpflanzen erschaudern.
Nun starren mich doch alle an, vermutlich um sicherzugehen, dass ich meinen Aufruf auch mitbekommen habe. Den haben aber sicherlich nicht nur die Passanten draußen auf der Breite Straße mitbekommen, sondern vermutlich selbst die Menschen in Brüssel.
»Ist ja gut«, rufe ich, hebe die Hand und stehe auf. »Ich bin hier!«
Wieso schreit die Gute denn so, als hätte sie früher mal auf dem Wochenmarkt gearbeitet?
»Hallo, ich bin die Trudi!«, stellt sich die Marktschreierin vor und gibt mir die Hand. Ich mustere sie kurz skeptisch, denn zwischen ihrem Namen und ihrem Alter gibt es doch eine gehörige Dissonanz. Trudi? Ist das nicht die Kurzform von Gertrud? Darunter stellt man sich eher eine Urgroßmutter vor, nicht aber eine schätzungsweise Endzwanzigerin, die in ihrem weißen Kittel wie eine sexy Ärztin … ähm, ich meine natürlich, wie eine kompetente Ärztin aussieht.
»Ich führe heute dein Waxing durch. Einmal die gesamte Brust?«, fragt sie gut vernehmbar in den Wartebereich hinein. Vor allen anderen. Ich frage mich unweigerlich, wie es gewesen wäre, wenn es sich um eine diskretere Körperstelle gehandelt hätte. Einmal die komplette Kimme, inklusive Weintrauben und Busch? Ja? Super! Dann komm doch schon mal mit, höre ich sie förmlich durch den Salon rufen.
»Wollen wir?«, reißt Trudi mich aus meinen Gedanken und schreitet davon.
Ich folge ihr ins Hintere des Ladens zu einer kleinen Kabine, die nur durch Trennwände und einen Vorhang von den anderen abgegrenzt ist. Darin befindet sich eine riesige Liege, die fast den ganzen Platz einnimmt.
»Dann zieh dich schon mal aus, und mach es dir bequem«, weist sie mich an, »ich hole in der Zwischenzeit die Utensilien.«
Mannomann! Auf was habe ich mich hier eingelassen? Und das nur, weil Naima mir vor drei Wochen im Bett über die Brust gestrichen und gemeint hat: »Du könntest dir ruhig mal die Brust waxen lassen, anstatt nur zu rasieren! Das ist ja alles voll stachelig!«
Voll stachelig! Das waren ihre Worte. Um dem Ganzen einen gewissen Nachdruck zu verleihen, hat sie mich in den kommenden Wochen nur noch (»liebevoll«, wie sie meinte) ihr Stachelschwein genannt. Na ja, die ewige Rasiererei ist zugegebenermaßen ein wenig nervig. Was soll es also? Einen Versuch ist es wert.
»Die Hose bitte auch!«, instruiert mich Trudi, als sie die Kabine wieder betritt. »Die Gürtelschnalle stört sonst beim Waxen des Bauchs!«
Während ich mich also meiner Jeans entledige, versuche ich ein wenig Small Talk zu betreiben. »Kommen eigentlich viele Männer hierher?« Der Wartebereich hat nicht unbedingt danach ausgesehen.
»Ja, durchaus. Wir haben zwar immer noch mehr weibliche Kundschaft, aber das Thema Beauty ist heutzutage wirklich geschlechterübergreifend. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert.«
Tja, ich finde es trotzdem merkwürdig, hier zu liegen. Aber wie heißt es so schön? Man soll alles im Leben einmal ausprobieren.
Trudi beginnt, einen Bereich meiner Brust mit warmem Wachs zu bestreichen. So in etwa muss sich Toastbrot fühlen!
»Wird es denn wehtun?«, frage ich und merke, wie ich langsam nervös werde.
»Yep! Wie bescheuert!« Trudi legt einen weißen Stoffstreifen auf die gewaxte Stelle und streicht diesen glatt.
»Wie bitte?« Instinktiv schnelle ich hoch.
»Na, du hast doch gefragt, ob es wehtun wird, und ja, es tut weh!«
Unwillkürlich rücke ich, immer noch sitzend, ein paar Zentimeter auf der Liege nach hinten. »Ist das denn heute dein erster Tag hier, oder was?«
»Nö, ich mache das seit sieben Jahren.«
»Ja, aber wie kannst du dann sagen, dass es wie bescheuert wehtut? Solltest du die Kunden nicht lieber beruhigen?«
»Du meinst lügen?« Trudi schüttelt den Kopf. »Nee, das ist nicht mein Ding! Also, können wir?«
Ich nicke stumm, lege mich wieder hin und beiße die Zähne zusammen. Jetzt kann ich schließlich keinen Rückzieher mehr machen, der erste Stofffetzen klebt ja schon auf meiner Brust wie ein Klimaaktivist auf der Rollbahn des Frankfurter Flughafens.
»Also«, sagt sie mit einem süffisanten Lächeln und offensichtlich ironischem Ton, »dann wird es jetzt ein bisschen ziepen.«
Ratsch!
Im selben Moment wird mir kurz schwarz vor Augen, bevor das Licht zurückkehrt und ich glaube, vorübergehend Engelsstimmen zu hören.
Ein bisschen ziepen? Wer hat diese Frau eigentlich trainiert? Marquis de Sade?
»Geht’s?«, ertönt ihre Stimme unschuldig.
Ich schaffe es, mit zusammengebissenen Zähnen ein hoffentlich beiläufig klingendes »Ja, ja« herauszupressen. Ob eigentlich schon viele Männer in dieser Kabine bitterlich in Tränen ausgebrochen sind? Wie halten Frauen diese Strapazen nur ständig aus? Wie oft habe ich Naima schon mit ihrem Epilierer im Badezimmer gesehen. Das sieht immer aus, als würde sie ein Bügeleisen über ein Seidenhemd gleiten lassen.
Trudi spachtelt wieder Wax auf meine Haut — dieses Mal direkt auf die Brustwarze! »Ich nehme an, das ist dein erstes Mal?«
Wieder bringe ich nur ein panisches Nicken zustande, während ich mich an der Liege festkralle.
Stoffstreifen. Glatt streichen. Ratsch!
Himmel, Arsch und Zwirn! Augenblicklich treibt es mir die Tränen in die Augen, während ich reflexartig nachschaue, ob sie nicht versehentlich meine Brustwarze mit abgerissen hat.
»Also, was machst du beruflich, Philipp?«, fragt sie, während sie mit dem Holzspatel wieder im Wachsgefäß rührt. Vermutlich soll mich der Small Talk vom Schmerz ablenken.
Tut er nicht!
»Ich leite eine Internetagentur«, sage ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Und du?«
Trudi schaut mich kurz mit einem Stirnrunzeln an und muss dann lachen.
»Ach so, ja, sorry!«, sage ich, als ich begreife.
»Also, eine Internetagentur? Was macht man denn da so?« Sie trägt wieder eine Waxschicht auf, gefolgt von einem Stoffstreifen … und einem weiteren Streifen.
»Ähm«, es fällt mir schwer, mich auf die Unterhaltung zu konzentrieren, »wir sind so eine Mischung aus Designstudio und Werbeagentur, allerdings nur auf den Onlinebereich konzentriert.«
Ratsch! Ratsch!
Heiliges Gummibärchen! Der Schmerz ist geradezu episch. Warum arbeitet sie denn jetzt im Doppel?
»Interessant. Wie bist du dazu gekommen?«
Mehr Heißwax.
»Die Firma habe ich vor fünf Jahren gegründet, zusammen mit zwei Kommilitonen von der Uni …« Ein weiterer Stoffstreifen. »Amelie und Moritz …« Glatt streichen. »Und, na ja, inzwischen sind wir auch beste Freunde und wohnen sogar zusammen in einer WG.« Ratsch!
Heilige Himmelslaterne! Daran gewöhnt man sich aber wirklich nicht so schnell.
»Ach, wie cool. Und läuft die Firma gut?«
»Joa, die Firma läuft ganz passabel«, gebe ich zurück. Würde ich die Wahrheit sagen, klänge es vermutlich wie Prahlerei. Tatsächlich läuft unsere Firma nämlich ausgezeichnet, fährt gute Gewinne ein und ist für den diesjährigen INTER-Award nominiert, der heute verliehen wird.
Waxschicht. Stoffstreifen. Glatt streichen. Ratsch!
Mein Schmerzsystem ist inzwischen nur noch genervt und hat nicht einmal mehr die Kraft, sich über die Schmerzen zu echauffieren.
»Cool. Kenne ich zufälligerweise ein paar eurer Kunden?«
»Ja, die Website von Wax on the Beach stammt beispielsweise von uns.« So bin ich überhaupt nur auf die Idee gekommen, dieses Studio aufzusuchen.
»Ach, geh weg!«
Ja, würde ich gern!, denke ich mir. Wenn meine Brust nicht noch wie ein halb gerodeter Wald aussähe.
»Cool«, wiederholt Trudi. »Und wie hat es dich hierher verschlagen?«
»Naima, meine Freundin, hat mich dazu überredet. Sie meinte, das sei ästhetischer.«
»Na, dann danke ihr schon mal für den Vorschlag von mir«, scherzt Trudi. »Wie lange seid ihr denn zusammen?«
»Seit drei Monaten.«
»Verstehe, die Zeit, in der man sich noch Mühe gibt.« Trudi zwinkert mir zu. »Ist es denn was Ernstes?«
»Joa«, sage ich, merke aber selbst, dass es nicht besonders überzeugend klingt. »Na ja, ehrlich gesagt, konzentriere ich mich momentan mehr auf die Firma als auf andere Sachen.«
»Andere Sachen?«
»Ja, Familie zum Beispiel, das meintest du doch bestimmt, oder?«
»Nicht unbedingt«, entgegnet Trudi. »Dachtest du denn, dass ich das gemeint habe?«
Meine Güte, wer hätte gedacht, dass ich neben meinem Waxing auch noch eine Gratis-Psychoanalyse dazubekomme?
»Weißt du, Philipp«, beginnt Trudi und hört kurz auf weiterzuspachteln, »das Leben ist wie ein Waxing: Du kannst dich noch so sehr auf die kleinen Details konzentrieren, darauf, dass alles perfekt aussieht, dass jede Haarstoppel entfernt wird, letzten Endes kommt es aber vor allem darauf an, wer da ist, um die beruhigende Aloe-vera-Creme aufzutragen.«