Wenn man sich ungewollt rassistisch ausdrückt
Dieses Wort solltet ihr streichen

14. Juli 2018




 
Liebe AutorInnen, liebe VerlegerInnen, liebe ÜbersetzerInnen, liebe JournalistInnen, es gibt ein Wort, das leider noch viel zu häufig in Büchern, Zeitungsartikeln und in Berichten auftaucht, obwohl es diskriminierend und rassistisch ist.

Vor wenigen Monaten habe ich ein Jugendbuch gelesen, welches für mehr Toleranz und Akzeptanz plädiert. Doch an einer Stelle musste ich mit dem Kopf schütteln, denn da war es wieder. Dieses Wort. Dieses eine Wort, das heutzutage wirklich nicht mehr versehentlich in einem Buch auftauchen sollte: „farbig“. Dort war, wenn ich mich richtig erinnere, von einem „farbigen“ Schulleiter die Rede und somit eröffneten sich für mich direkt zwei Probleme: Zum einen der Begriff als solches, der sicherlich falsch übersetzt war, denn im Englischen ist das Wort „colored“ zurecht tabu, zum anderen die Frage, wieso die Farbe des Schulleiters überhaupt erwähnt werden musste?

Das Wort „farbig“ sollte in Büchern, Artikeln und Beiträgen nicht mehr auftauchen.
Nun also für alle, die verunsichert sind: Der politisch korrekte Begriff ist „schwarz“ bzw. „Schwarzer“. In den USA favorisiert man den Begriff „African-American“, sofern man sich über US-AmerikanerInnen unterhält, weswegen in diesem Zusammenhang im Deutschen auch die Übersetzung „Afroamerikaner“ zulässig ist.

Kommen wir also zurück zu meiner eigentlichen Frage: Wieso sind die Menschen so besessen darauf, die Hautfarbe eines Menschen (am liebsten noch so genau wie möglich) zu beschreiben? Bei Weißen tun wir dies ja auch nicht ständig á la „Die weiße Bundeskanzlerin...“, „der weiße US-Präsident...“ oder „der weiße Politiker...“. Dasselbe gilt im Übrigen auch für die Herkunft von Menschen und deren Vorfahren. Auch hier ist es in den meisten Fällen nicht notwendig, diese zub erwähnen.

Bleibt nun also noch zu thematisieren, wieso das Wort „farbig“ nicht verwendet werden sollte. Hierfür gibt es drei plausible Erklärungen:

Erstens: Dieser Begriff war im deutschsprachigen Raum als Selbstbezeichnung nie verbreitet.

Die zweite Erklärung ist sprachwissenschaftlicher Natur, denn der Begriff „farbig“ ist ein sogenannter Euphemismus (eine beschönigende Umschreibung). Das folgende Experiment habe ich dutzende Male als Dozent an der Universität und auch an Schulen durchgeführt. Ich zeige den Studierenden ein Bild eines schwarzen Mannes und bitte sie, dieses Bild möglich genau zu beschreiben. Zeitgleich beginne ich, an der Tafel Notizen zu machen - und zwar jedes Mal dann, wenn in irgendeiner Weise Bezug auf die Hautfarbe des Mannes genommen wurde. (Bei einer Personenbeschreibung darf die Hautfarbe eines Menschen natürlich erwähnt werden. Hier erwähne ich ja auch seine Haarfarbe, seine Größe und alle weiteren äußerlichen Merkmale.) Schon nach wenigen Sekunden beginnen die Studierende zu zögern. Man merkt, dass sie genau nachdenken und ihre Wortwahl bedenken. Denn niemand möchte ja als Rassist abgestempelt werden. Das Resultat ist, dass sich die meisten Studierende für das Wort „farbig“ entscheiden. Frage ich anschließend nach, wieso sie sich für dieses Wort entschieden haben, folgt meistens die Antwort: „Weil ich finde, dass es nicht so hart klingt.“ oder „Weil ich finde, dass es netter klingt.“ Und genau mit dieser Begründung liegt ein Euphemismus vor. Die Studierenden haben versucht, die Tatsache, dass ein Mensch dunkle Haut hat, schönzureden.

Die dritte Erklärung wiederum ist kulturell bedingt, denn das Wort „farbig“ ist eine direkte Übersetzung des Wortes „colored“, das in den USA unweigerlich mit den Rassentrennungsgesetzen der Südstaaten verknüpft ist. Dies ist der Grund, weswegen es in der englischen Sprache nur negative Assoziationen auslöst. Nach der Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1865 gab es augenblicklich eine de facto Rassentrennung in allen Südstaaten der USA. Kurze Zeit später folgten die entsprechenden Gesetze: Von da an lebten schwarze und weiße Menschen völlig getrennt voneinander. Es gab unterschiedliche Schulen, Kirchen, Warteräume, Theater, Restaurants und, ja, sogar getrennte Friedhöfe. Denn selbst nach ihrem Tod wollten weiße Menschen nichts mit schwarzen zu tun haben. Ein trauriges Kapitel in der Geschichte der USA. Kein Wunder also, dass dort niemand gern diesen Begriff hört, der damals in großen Lettern auf den Schildern für die Einrichtungen der Schwarzen stand: „COLORED“ und daneben - in der Regel in einer weitaus hochwertigeren Ausführung - das Schild „FOR WHITES ONLY“.

Daher solltet ihr diesen Begriff wirklich nicht mehr verwenden. Ich weiß, man hört ihn noch des öfteren - selbst in renommierten Medien. Als Barack Obama im November 2008 gewählt wurde, lautete die Schlagzeile so mancher Zeitung: „Der erste farbige Präsident“. Seitdem hat sich jedoch einiges getan. Man hört und liest diesen Begriff zum Glück immer seltener. Geblieben ist allerdings die Tatsache, dass die Herkunft und Hautfarbe der Menschen immer noch viel zu oft überflüssigerweise erwähnt wird - und somit für den Sprecher / die Sprecherin auch wichtig ist. Ihr könnt allerdings dazu beitragen, dass sich dies auch ändert.
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