Ein junges literarisches Genre
Lad lit - der neue Männerroman

11. Juli 2018


Foto: Swapnil Sharma (Pexels)


 
Was soll das bitte sein? „Lad lit“? Die wenigsten werden mit diesem literarischen Begriff etwas anfangen können. Konnte ich lange Zeit auch nicht. Bis ich eine Absage eines Verlags erhielt, in der genau dieser Begriff auftauchte.

Sommer 2010. Ich war gerade auf der Suche nach einem Verlag für meinen ersten Roman „Klugscheißer Royale“. Dass diese Suche nicht gerade einfach war, lässt sich vielleicht an der Tatsache erahnen, dass genau dieser Roman nächsten Monat - im August 2018 - nun endlich erscheinen wird. Hierzu berichte ich an anderer Stelle aber mehr.

„Lad lit“ ist das männliche Gegenstück zur „Chick lit“ (zu deutsch: Literatur für Hühner) - ein abwertender Begriff, der sich leider weitläufig durchgesetzt hat.
Damals erhielt ich eine freundliche Absage eines sehr großen Verlags. Die Lektorin teilte mir mit, dass sie meine Leseprobe zwar „mit Vergnügen“ gelesen habe, sie mir aber kein Angebot machen könne, da ihre Programmplätze für „Lad lit“ zu rar seien. Da war er also zum ersten Mal. Dieser Begriff. „Lad lit“.

Schnell machte ich mich im Netz kundig. „Lad lit“ ist das Pendant zur „Chick lit“ (kurz für „Literature for chicks“, zu deutsch etwa: Literatur für Hühner). Überflüssig zu erwähnen, dass dieser Begriff ziemlich abwertend ist, denn weder im Deutschen noch im Englischen ist es wertschätzend, Frauen als „chicks“ zu bezeichnen. Vor allem in der englischen Sprache hat sich dieser Begriff jedoch etabliert (analog zu den „Chick flicks“ - Filme für Frauen), sodass eben das männliche Pendant „Lad lit“ entstand, welches - was für eine Überraschung - ganz und gar nicht abwertend ist, heißt „lad“ übersetzt doch lediglich „Typ“.

Offensichtlich hatte ich mit „Klugscheißer Royale“ also einen Roman geschrieben, den man diesem neuen Genre der Gegenwartsliteratur zuordnen konnte. Grund genug also, mir diese Gattung etwas genauer anzusehen.

Romane mit männlichen Protagonisten - von Männern und für Männer geschrieben - gab es ja schon immer. Neu ist allerdings der Unterhaltungsaspekt. Frei nach dem Motto „Let me entertain you“ lesen sich einige Männerromane in letzter Zeit wie deutsche Filmkomödien - und manche von ihnen wurden ja in der Tat später auch erfolgreich verfilmt. So zum Beispiel Moritz Netenjakobs „Macho Man“, Tommy Jauds „Vollidiot“ oder Matthias Sachaus „Wir tun es für Geld“. Als Initiator des Genres „Lad lit“ gilt übrigens der Brite Nick Hornby, der bekannt wurde durch seinen ebenfalls inzwischen verfilmten Roman „About A Boy“.

Auf einmal ist also eine neue Ära eingeleutet. Der Männerroman hat ein Facelifting erhalten und zeichnete sich nun vor allem durch die folgenden Aspekte aus:

  1. ein witziger Erzählstil
  2. Protagonisten sind meist Endzwanziger bis Mittdreißiger
  3. Beziehungsfragen / Beziehungsprobleme sind mitunter Thema
  4. Referenzen zur Popkultur
  5. das Infragestellen der eigenen Maskulinität
  6. das Rollenbild des Mannes in der Gesellschaft wird thematisiert

Und in der Tat, wenn ich mir da den „Klugscheißer“ anschaue, treffen die meisten Aspekte zu: Auch mein Roman ist recht flapsig erzählt (Punkt 1 ), mein Protagonist Timo Seidel ist 28 Jahre alt (Punkt 2 ), er wird zu Beginn von seiner Freundin verlassen (Punkt 3 ), er bezieht sich gelegentlich auf Fernsehsendungen, Filme oder Sängerinnen (Punkt 4 ) und das Rollenbild des Mannes wird ebenso wie das der Frau ausführlich thematisiert (Punkt 6 ). Lediglich der fünfte Punkt - das Infragestellen der eigenen Männlichkeit - stellt für meinen Protagonisten kein Problem dar. Dafür ist er dann doch zu selbstbewusst.

In den letzten Jahren ist mir der Begriff „Lad lit“ komischerweise nicht mehr so häufig begegnet. Keine Ahnung, ob sich nur das Wort abgenutzt hat oder ob es inzwischen weniger Publikationen in diesem Bereich gibt. Als mein Verlag jedoch die Produktseite für „Klugscheißer Royale“ erstellte, tauchte er wieder auf. Aber inzwischen weiß ich ja zum Glück, was er bedeutet.
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